
Der Kaffeebecher neben meiner Tastatur ist zum zweiten Mal kalt geworden, drei Kilometer entfernt von dem Sofa, unter dem meine Katze wohnt.
Mira, meine vierjährige Tierschutzkatze aus Rumänien, gilt laut ihrem EU-Heimtierausweis als völlig normales Tier, verhält sich aber seit ihrer Ankunft vor rund einem halben Jahr wie ein Zeuge, der niemandem mehr traut. Genau deshalb vergleiche ich hier zwei Ansätze aus meinem Tierkommunikation-Basiskurs, die ich seither ausprobiere: die Fernarbeit vom Schreibtisch in meinem Büro auf dem Spinnereigelände in Plagwitz gegen die Arbeit direkt vor dem Sofa in meiner Altbauwohnung in Gohlis. Als Grafikdesignerin, die sich selbst zu gut 70 Prozent für Unsinn hält, interessiert mich vor allem, welche der beiden Varianten bei einer Tierschutzkatze mit dieser Vorgeschichte überhaupt etwas bringt.
Tierkommunikation auf Distanz gegen Tierkommunikation zum Anfassen
Distanzarbeit heißt bei mir: Augen zu, Mira im Kopf vorstellen, ein Bild oder ein Gefühl schicken, ganz ohne dass sie in der Nähe ist. Kein Blickkontakt, der sie einschüchtern könnte, kein enttäuschtes Gesicht von mir, wenn nichts passiert. Nur die Vorstellung zählt, und die trainiere ich inzwischen öfter zwischen zwei Meetings als abends auf dem Boden.

Naharbeit sieht bei mir ganz anders aus. Ich sitze auf dem Parkett vor dem schweren, anthrazitfarbenen Tweed-Sofa, das seit dem Einzug nie einen anderen Platz gefunden hat, weil es zu zweit kaum zu bewegen ist, während das Wollkissen davor inzwischen komplett plattgesessen ist. Hier zählt jedes kleinste Detail an ihrer Haltung, aber wie man dabei richtig vor dem Sofa sitzt, ist noch mal ein eigenes Thema für sich, aber hier soll es nur um den direkten Vergleich der beiden Herangehensweisen gehen.
Am Schreibtisch fällt mir leichter, was zu Hause blockiert
Zwischen dem Tastaturklappern der Kollegen und der nächsten Korrekturschleife bleibt schlicht keine Zeit, mir eine bestimmte Reaktion von Mira zu wünschen. Zu Hause will ich UNBEDINGT, dass sie sich zeigt, und genau diese Anspannung liegt wie eine Wand zwischen uns. Im Büro dagegen ist mein Kopf ohnehin mit Typografie beschäftigt, und der Gedanke an Mira kommt eher nebenbei, fast wie ein Reflex.
Meine Freundin Philippa, die als UX-Designerin in einer Agentur arbeitet, hat neulich beim Mittagessen gesagt, das klinge für sie nach einem klassischen A/B-Test ohne Kontrollgruppe. Unsere Kursleiterin beschreibt intuitives Wahrnehmen dagegen als etwas, das keine räumlichen Grenzen kennt, was lange nach reiner Behauptung klang. Erst am Schreibtisch, weit weg von jeder Erwartungshaltung, hat sich das für mich überhaupt greifbar angefühlt. Mehr dazu, wo bei mir die Grenze zwischen Einbildung und Realität verläuft, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.
Es ist ein bisschen wie bei einem Kollegen, der im Meeting kaum etwas sagt: Man lernt, auf die Pausen zwischen den Sätzen zu achten statt nur auf die Worte selbst. Genauso achte ich bei Mira inzwischen auf das, was zwischen den offensichtlichen Reaktionen liegt, so wie ich im Team-Chat oft merke, wenn die Stimmung kippt, bevor es jemand ausspricht.

Der Feliway-Diffusor hat nichts gebracht
Der Feliway-Diffusor, den ich auf Empfehlung der Tierärztin an drei verschiedenen Stellen in der Wohnung ausprobiert habe, hat null Unterschied gemacht. Mira ist trotzdem jedes Mal unter das Sofa geschossen, egal ob das Gerät im Flur, im Wohnzimmer oder direkt neben ihrem Versteck steckte.
Noa Winterstein aus meinem Online-Kurs schickt mir öfter Sprachnotizen von ihren eigenen Übungen mit ihrem Hund, und der Unterschied zwischen den beiden Tierarten ist dabei fast lehrreicher als jede Kurslektion. Ihr Hund reagiert auf Distanzsignale fast sofort mit Körperkontakt, während bei Mira selbst kleinste Reaktionen erst nach mehreren Anläufen sichtbar werden.
An einem regnerischen Nachmittag habe ich es besonders lange versucht, statt in der Mittagspause zum Bäcker zu gehen. Eine erwachsene Katze schläft im Schnitt 12 bis 16 Stunden am Tag, wahrscheinlich hat Mira also die meiste Zeit gedöst, während ich ihr ein Bild von einer flachen, ruhig daliegenden Hand geschickt habe. Nach zwei Minuten kam eine Kollegin mit einer dringenden InDesign-Frage herein, und der Moment war vorbei.
Warum reagiert sie beim Tierarzt plötzlich anders?
Bei der letzten Blutabnahme hat sich Mira für ein paar Sekunden zu einer kompakten Kugel zusammengerollt, statt wie sonst schrill loszukreischen, sobald die Box aufgeht. Die Tierärztin hat nichts Auffälliges am Verhalten gefunden, keine Diagnose, keine Erklärung: nur diese eine kleine, ungewohnte Ruhe.
Zu Hause zeigt sich das ähnlich: Statt sofort tiefer in die dunkelste Ecke zu rutschen, bleibt sie inzwischen manchmal einfach liegen, wo sie gerade ist, mit einer Körperhaltung, die eher zu einer normalen Schlafphase passt als zu Alarmbereitschaft. Ob das an der Distanzarbeit liegt, am Alter, oder einfach daran, dass ein halbes Jahr genug Zeit war, um sich an meine Stimme zu gewöhnen, kann ich nicht sauber trennen.

Wann lohnt sich Distanzarbeit, und wann nicht?
Distanzarbeit lohnt sich für mich immer dann, wenn Nähe selbst zum Problem würde: bei einer Katze, die auf Druck mit Rückzug reagiert, oder in Momenten, in denen ich ohnehin unter Strom stehe und keine ruhige Erwartungshaltung aufbauen könnte. Ein kurzer, ehrlicher Impuls zwischen zwei Aufgaben bringt bei mir mehr als eine erzwungene Meditationssession, und der Wechsel von einer Aufgabe zur nächsten ist dabei fast immer das beste Zeitfenster.
Näher dransitzen lohnt sich dagegen, sobald es um feine Körpersprache geht, die sich aus der Ferne gar nicht beobachten lässt: Ohrstellung, Pupillen, die Frage, ob sich ein Körper anspannt oder entspannt. Bei echten gesundheitlichen Sorgen ersetzt allerdings keine der beiden Varianten den Tierarztbesuch, und daran ändert auch die beste Distanzübung nichts.
Wie man sich die passenden mentalen Bilder für so eine Übung überhaupt einprägt, bevor man sie verschickt, ist noch mal ein eigenes Kapitel für sich, genau wie die ersten Tage, an denen gar nichts passiert und man ernsthaft an der ganzen Sache zweifelt.
Meinen Einstieg in dieses ganze Thema, inklusive der ersten Versuche mit gesendeten Bildern im Basiskurs, habe ich an anderer Stelle in meinem Bericht über den Basiskurs festgehalten. Für den Moment reicht mir der Vergleich zwischen Büro und Sofa völlig, und die 70 Prozent Skepsis nehme ich einfach mit ins Homeoffice und zurück.