
Die Katze zieht den Kopf nicht mehr sofort ein, wenn ich mich langsam neben das Sofa setze. Klein, kaum der Rede wert - und trotzdem das Einzige, was ich als Beweis vorzeigen kann, dass mein Intuitionstraining für Tierkommunikation überhaupt irgendetwas bringt. Ich schreibe seit Wochen ein Skeptiker-Tagebuch über meine rumänische Straßenkatze hier in Leipzig, und ich weiß immer noch nicht sicher, ob ich mir das alles nur einbilde.
Vor sechs Monaten kam sie aus Bukarest zu mir, gut 1500 Kilometer weit, vier Jahre alt und von der ersten Sekunde an unsichtbar. Die Tierärztin findet organisch nichts, was das erklären würde. Trotzdem wird jeder Praxisbesuch zu einer Nummer, bei der ich am Ende mehr zittere als sie. Die berühmte 3-3-3-Regel aus der Tierschutz-Szene - drei Tage ankommen, drei Wochen eingewöhnen, drei Monate sicher fühlen - ist bei uns längst durch, und trotzdem frisst sie noch fast ausschließlich nachts.
Die Frage, ob ich hier nur mit mir selbst rede, beschäftigt mich öfter, als mir lieb ist.
Intuition trainieren, wenn der Kopf ständig widerspricht
Als Grafikdesignerin denke ich in Rastern, in Ursache und Wirkung, in Funktion. Der Basiskurs passt in kein einziges dieser Raster, und mein Kopf beschwert sich entsprechend laut. DAS BILDEST DU DIR NUR EIN, brüllt eine Stimme, sobald ich versuche, still zu werden. Was inzwischen hilft: den Verstand nicht als Gegner behandeln, sondern als eine Art Kontrolleur, der später prüfen darf, was ich gerade wahrnehme, aber jetzt noch nicht mitreden muss.
Der Unterschied zwischen einem selbst gemachten Gedanken und einem Bild, das einfach auftaucht, ist eines der schwierigsten Dinge am ganzen Training – dazu habe ich mehr in meinem Text über den Unterschied zwischen Tierkommunikation und eigenen Gedanken aufgeschrieben. Manchmal blockiert genau dieser innere Kontrolleur alles und filtert Bilder weg, bevor sie überhaupt bei mir ankommen, und das ist nochmal ein eigenes Kapitel für sich.

Der Cat-Mojo-Ansatz hat bei uns nicht funktioniert
Bevor ich beim Basiskurs gelandet bin, habe ich mich durch stundenlange Jackson-Galaxy-Videos gearbeitet und das ganze Cat-Mojo-Konzept bei uns umgesetzt – Territorium aufteilen, Rückzugsorte schaffen, alles nach Lehrbuch. Genützt hat es wenig, jedenfalls nicht bei einer Katze, die grundsätzlich erstmal alles und jeden meidet.
Meine Nachbarin Hedda, zwei Stockwerke über mir, hat nur die Augenbraue hochgezogen, als ich ihr vom Kurs erzählt habe. Sie hat selbst eine rumänische Straßenkatze und glaubt eher an feste Futterzeiten und ruhige Räume als an mentale Bilder – vielleicht hat sie damit nicht mal unrecht.
In der ersten Woche mit dem Tagebuch ist bei mir schlicht gar nichts passiert, kein Kribbeln, kein Bild, nichts. Dieses Nichts-Gefühl der ersten Woche kennt vermutlich jede, die mit sowas anfängt. Die Frage, ob die kleinen Zeichen, die ich seitdem sammle, real sind oder reine Einbildung, stelle ich mir bis heute jeden zweiten Tag.
Woche zehn: zwei langsame Blinzler
Wie ich am besten vor dem Sofa sitze, ohne dass sie sich bedrängt fühlt, musste ich mir mühsam selbst beibringen, mit viel Abstand und noch mehr Geduld – dazu gäbe es allein schon genug zu erzählen für einen eigenen Text.
In Woche zehn meines Tagebuchs habe ich ihren Namen gesagt, leise, fast nebenbei, mit dem Rücken zum Sofa. Sie hat zweimal ganz langsam die Augen geschlossen und wieder geöffnet, genau in dem Moment, in dem ich aufgehört hatte, irgendetwas zu erwarten. Ich habe es sofort notiert, mit Uhrzeit und allem, aus Angst, es mir später schönzureden. Kein großer Knall, keine Erleuchtung – nur ein Eintrag mehr in einer langen Reihe, aber einer, den ich seitdem öfter nachlese als alle anderen zusammen.
Ohren und Blinzeln sagen bei ihr inzwischen mehr als jede größere Geste, und dieses reine Körpersprache-Lesen ist mit der Zeit fast zu einem eigenen kleinen Handwerk geworden.

Wie übe ich weiter, auch ohne große Zeichen?
Mentale Bilder bewusst zu empfangen, statt sie einfach zufällig auftauchen zu lassen, ist eine ganz andere Übung, die ich gerade erst zu verstehen anfange. Einmal, an einem Vormittag auf dem Lindenauer Markt, habe ich gemerkt, wie ich die Laune einer Marktfrau lese, ohne dass sie ein Wort sagt, nur an der Art, wie sie ihre Kisten stapelt – und das fühlt sich der Sache mit der Katze erstaunlich ähnlich an.
Aus der Ferne mit ihr zu arbeiten, während ich im Büro sitze, habe ich bisher erst zweimal versucht, mit sehr durchwachsenem Ergebnis. Eine Einhandrute habe ich mir aus Neugier ebenfalls einmal geliehen, testweise, und danach eher wieder in die Schublade gelegt als ernsthaft weiterverfolgt.
Erzsébet, eine Leserin aus Lindenau, hat mir nach meinem ersten Artikel geschrieben, drei Absätze lang mit durchnummerierten Fragen, weil sie zur gleichen Zeit eine Straßenkatze aus Serbien aufgenommen hat. Ihre Mails lesen sich fast wie eine Checkliste, aber genau das hilft mir, meine eigenen wolkigen Beobachtungen zu ordnen. Manche kleinen Erfolge im Alltag merke ich inzwischen erst, wenn ich sie mir so aufschreibe wie ihr.
Kein Druck, viel Geduld
Kein Druck aufzubauen ist vermutlich der wichtigste Punkt von allen. Sobald ich denke JETZT MUSS ETWAS KOMMEN, passiert exakt gar nichts, jedes Mal, zuverlässig. Ruhiger wird es, wenn ich stattdessen auf den Körper achte, auf ein leichtes Kribbeln oder eine plötzliche Schwere in den Schultern, die oft ehrlicher ist als jedes Bild. Und die Skepsis selbst muss nicht verschwinden – ich behandle sie inzwischen wie eine Kollegin, die kurz reinruft, gehört werden darf und dann wieder leise wird, während ich weitermache.
Wenn du selbst skeptisch bist und trotzdem anfängst: Miss es nicht an den großen Zeichen, sondern an den kleinen Verschiebungen, die sich erst nach vielen Wochen zu einem Muster zusammenfügen. Das ist die eine Lektion, die bei mir nach zehn Wochen Tagebuch wirklich hängengeblieben ist.
Das hier ersetzt keinen Tierarztbesuch und auch keine Verhaltenstherapie, das will ich an dieser Stelle nochmal deutlich sagen. Wenn sie krank wirkt, ist die Praxis der erste Weg, nicht die Yogamatte im Wohnzimmer. Für alles andere, für das leise Aneinandergewöhnen zweier ziemlich unterschiedlicher Wesen, bleibt das Tagebuch vorerst mein Werkzeug – und irgendwann, wenn genug Wochen zusammengekommen sind, schaue ich mir vielleicht an, wann ein Aufbaukurs sinnvoll ist. Bis dahin: Kaffee, Geduld, und ein Tagebuch, das langsam voller wird.