
Eine Katze, die unter dem Sofa erstarrt, und eine Katze, die unter dem Sofa hervorschießt und sofort wieder verschwindet, sehen im ersten Moment nach demselben Drama aus – sind aber, wenn man als Anfängerin in der Tierkommunikation genau hinschaut, zwei vollkommen unterschiedliche Meldungen.
Bei meiner Tierschutzkatze Mina, die ich vor einiger Zeit aus Rumänien aufgenommen habe, sehe ich inzwischen beide Varianten – und als Grafikdesignerin hier in Leipzig, die sonst mit klaren Rastern und eindeutigen Signalen arbeitet, wollte ich herausfinden, welches Katzenverhalten tatsächlich etwas bedeutet und welches einfach nur Zufall ist.
Zwei Arten von Flucht – und was sie über das Katzenverhalten verraten
Variante eins ist die alte: die Erstarrungs-Flucht. Mina war anfangs tagelang gar nicht zu sehen, weil sie sich erst gar nicht in den Raum getraut hat. Kein Risiko, keine Bewegung, nur das dunkle Rechteck unter dem Sofa und zwei Augen, die kurz aufblitzen.
Die zweite Variante ist neuer und sieht dramatischer aus: Sie kommt tatsächlich raus, bewegt sich mitten durchs Zimmer – und schießt bei der kleinsten Störung, einem knarrenden Dielenbrett zum Beispiel, sofort zurück unter den schützenden Sofarand.
Nur ist das eben KEIN Rückschritt, wenn man beide Varianten nebeneinanderlegt. Es ist fast das Gegenteil.
Wie man eine unsichtbare Katze verstehen lernen kann, wenn sie sich noch gar nicht in den Raum traut, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben – hier geht es um den Schritt danach.

Woran ich erkenne, welche Flucht ich gerade sehe
Die Pupillen sind für mich der erste Anhaltspunkt. Weiten sie sich schlagartig, kurz bevor sie losläuft, ist das eher der alte Reflex aus der Anfangszeit – die Angst, die einfach noch da ist. Bleibt der Blick dabei eher weich, steckt meistens etwas anderes dahinter: ein Geräusch, das sie kurz überprüfen wollte, keine echte Bedrohung.
Auch die Schnurrhaare verraten etwas. Nach vorne gerichtet heißt meistens Neugier, flach angelegt eher Alarm. Und dann ist da noch das Tempo selbst – eine panische, kopflose Flucht ist etwas völlig anderes als dieses genervte Davontraben, das eher aussieht wie ein "Ich geh dann mal wieder" als wie echte Todesangst.
Wie man Körpersprache am Sofa insgesamt liest – Blinzeln, Ohrenstellung, der ganze Rest –, ist nochmal ein eigenes Thema für sich, aber Tempo und Pupillen reichen mir meistens schon, um die zwei Fluchten zuverlässig zu unterscheiden.

Was nicht funktioniert hat: die Wolldecke unter dem Sofa
Eine der ersten Übungen aus dem Kurs war, eine Wolldecke mit meinem eigenen Geruch unter das Sofa zu legen, damit Mina meinen Geruch eher mit Sicherheit als mit Gefahr verbindet.
Ich habe das trotzdem eine Weile durchgezogen.
Es hat NICHTS verändert. Sie hat die Decke komplett ignoriert, ist im Bogen drumherum gelaufen und irgendwann sogar ein Stück weiter nach hinten gerutscht, näher an die Wand. Manchmal ist ein gut gemeinter Tipp aus einem Kurs einfach der falsche Tipp für die eine bestimmte Katze, die gerade vor einem sitzt.
Es gibt einen anderen Moment, an den ich mich viel klarer erinnere als an die Wolldecke: der Morgen, an dem der Napf in der Küche zum allerersten Mal komplett leer war. Nicht angeknabbert, nicht halb – leer, so wie bei einer Katze, die tatsächlich in Ruhe gefressen hat und nicht nur nervös ein paar Krümel genommen hat.
Richtig still ist es in der Wohnung nur kurz: bevor auf der Karl-Liebknecht-Straße die erste Bahn vorbeirattert, und genau in dieser kurzen Stille fällt mir der Unterschied zwischen den beiden Fluchten am ehesten auf.

Andere Ansätze aus dem Kurs, die hier nicht mein Thema sind
Reglos vor dem Sofa zu sitzen und nichts zu wollen, ist zum Beispiel eine eigene Übung für sich, genauso wie die Frage, ob man dabei wirklich mentale Bilder empfängt oder sich das nur einbildet. Auch Distanzarbeit – also Kontakt versuchen, wenn die Katze gar nicht im selben Raum ist – gehört nicht hierher, genauso wenig wie die Einhandrute, mit der manche in der Szene angeblich Bedürfnisse testen. Und wie man eigene Gedanken von echten Bildern unterscheidet oder Blockaden löst, wenn der Kopf einfach nichts durchlässt, sind eigene Kapitel, keine Fußnoten zu diesem hier.
Ob das, was ich beim Sofa beobachte, echte kleine Signale sind oder nur Einbildung, kann man sich – wie ich in einem anderen Text zum Unterschied zwischen Einbildung und echter Kommunikation beschrieben habe – immer wieder neu fragen.
Diese erste Phase, in der man als Anfängerin tagelang vor dem Sofa sitzt und wirklich GAR NICHTS passiert, kennt jede, die frisch mit einem Kurs anfängt. Das ist normal und kein Zeichen, dass man etwas falsch macht.
Eine Freundin von mir geht jeden Montag zum Lindy-Hop-Kurs im Werk 2. Bei ihr weiß man immer ganz genau, woran man ist. Bei Mina ist das anders, und genau das macht die Flucht so schwer einzuordnen. Es ist ein bisschen wie bei der Arbeit, wenn ein Kunde nicht sagen kann, was er eigentlich will: Man lernt, zwischen den Zeilen zu lesen, auch wenn niemand ein Wort sagt.
Wann ich welche Lesart wähle
Inzwischen halte ich mich an eine einfache Faustregel, wenn wieder so ein Sofa-Moment ansteht.
Trabt Mina statt zu rennen, zeigen die Schnurrhaare eher nach vorne, und streckt sie nach ein paar Minuten von selbst wieder die Nase raus, lese ich das als Fortschritt – als eine Katze, die ein Risiko abgewogen und wieder ein Stück Vertrauen aufgebaut hat.
Rennt sie dagegen kopflos, mit geweiteten Pupillen, und bleibt danach für den Rest des Tages komplett verschwunden, behandle ich das wie einen echten Rückschritt – und nicht wie ein gutes Zeichen, das ich mir nur schönrede.
Meine Tierärztin hier in Leipzig hat Mina längst durchgecheckt: körperlich ist sie gesund, einfach eine ängstliche Katze mit einer schweren Vorgeschichte. Beide Lesarten – Fortschritt und Rückschritt – können sich bei ihr innerhalb eines einzigen Tages abwechseln, und das ist bei dieser Vorgeschichte einfach normal.