
Ich vertraue einem Fleck verwaschenen Gelbs mehr als meiner eigenen Erinnerung. Diese Tatsache lässt mich nicht los, seit ich im Tierkommunikations-Basiskurs übe, Bilder von meiner Straßenkatze zu empfangen, und seit ich merke, wie zuverlässig mein eigener Kopf jede Blockade selbst zusammenbaut, kaum dass ein Bild überhaupt auftaucht. In meinem Skeptikerinnen-Tagebuch versuche ich seit Wochen, meine Intuition zu trainieren, ohne sie im gleichen Atemzug wieder kaputtzudenken. Eine Antwort habe ich bis heute nicht.
Meine Wohnung liegt im zweiten Stock eines Gründerzeithauses in Leipzig-Gohlis, mit einem Flur, durch den man sich seitwärts an halbausgepackten Kisten vorbeidrücken muss. Auf dem Sofa - anthrazitfarbenes Tweed, aus einer Kleinanzeige, so schwer, dass ich es allein niemals verrücken könnte - sitze ich fast jeden Morgen. Davor liegt das dicke Wollkissen, eigentlich für sie gedacht, das ich nie wieder wegräumen werde, weil sie manchmal doch die Kante davon berührt. Unterm Ostfenster hat die Sonne über die Monate zwei helle Streifen ins Parkett gebrannt, genau dort, wo das Licht zuerst hinfällt. In den Minuten, bevor draußen die erste Bahn vorbeirattert, ist es so still in der Wohnung, dass ich mein eigenes Blut in den Ohren rauschen höre.
Irgendwo dahinter, im Dunkel unter dem Sofa, sitzt sie.
Der Photoshop-Reflex in meinem Kopf
Ich bin Grafikdesignerin. Bilder kontrollieren ist mein Beruf - Auflösung prüfen, Farbwerte korrigieren, jedes Pixel an die richtige Stelle schieben. Genau dieses Talent wird zum Problem, sobald ich vor dem Sofa sitze und versuche, etwas von ihr zu empfangen. Kaum taucht ein unscharfer Impuls auf, schaltet sich sofort die innere Bildbearbeitung ein: glätten, schärfen, oder - schlimmer - komplett wegfiltern, weil es keinen Sinn ergibt. Ich warte auf ein HD-Video. Sie schickt mir vermutlich ein verwackeltes Handyfoto.
Vor ein paar Wochen saß ich da, Augen geschlossen, und plötzlich war Farbe im Kopf. Ein sattes, fast schreiendes Gelb. Sofort meldete sich die innere Kontrollinstanz: DAS BILDEST DU DIR NUR EIN, DAS SIND NUR DIE GELBEN BÄNKE AUS DEM LENE-VOIGT-PARK, VON LETZTER WOCHE. Ich habe das Bild sofort weggeschoben, überzeugt, es mir selbst ausgedacht zu haben, weil ich dort spazieren war.
Dabei ist genau das die Blockade: Mein Kopf filtert alles heraus, was er nicht sofort zuordnen kann, wie eine beschädigte Bilddatei, die erst repariert werden muss, bevor man sie überhaupt ansieht. Vielleicht meinte sie gar keine Parkbank. Vielleicht meinte sie nur ein Gefühl von Wärme, oder das Licht einer Straßenlaterne irgendwo in Rumänien, von der ich nichts weiß.
Ich übe gerade, die Rohdatei meiner Intuition einfach stehen zu lassen, ohne sie sofort glattzuziehen. Dabei hilft es, sich auch mit dem umgekehrten Weg zu beschäftigen - also aktiv Bilder an sie zu senden, statt nur krampfhaft empfangen zu wollen. Es gibt außerdem eine ganz eigene Übung nur fürs stille Sitzen vor dem Sofa, ganz ohne Erwartung an ein Ergebnis, aber das ist nochmal ein eigenes Kapitel für sich.

Erzwingen macht die Blockade nur schlimmer
Am Anfang wollte ich die Bilder erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich nur fest genug konzentriere, muss irgendwann ein klares Bild von ihrem Leben davor auftauchen - was sie auf der Straße erlebt hat, bevor der Tierschutz sie eingefangen hat. Je fester ich wollte, desto weniger kam.
Tagelang passierte NICHTS. Ich saß da, starrte die Sofalehne an und fühlte mich einfach nur leer. Mein Kopf war so beschäftigt damit, auf das "richtige" Bild zu warten, dass er den ganzen Kanal verstopft hat. Aktives Erzwingen ist oft genau die Ursache der Blockade, nicht ihre Lösung. Es ist, als würde ich ein zu dunkles Foto einfach hochziehen, bis das ganze Bild ausbrennt - überbelichtet, ohne Details, nur noch Weiß.
Auch eine Übung aus dem Basiskurs, bei der man vor dem Empfangen dreimal bewusst ausatmen soll, um den Kopf leer zu machen, hat bei mir am Anfang das Gegenteil bewirkt. Ich habe nur noch angestrengter auf die Leere gewartet, was ziemlich genau das Erzwingen war, vor dem der Kurs eigentlich warnt.
Hedda, meine Nachbarin zwei Stockwerke über mir, hat neulich im Treppenhaus nur gesagt, Geduld sei der einzige Hebel, der hier wirklich etwas bewegt - mehr nicht, dann war ihre Wohnungstür schon wieder zu. Eine Leserin namens Erzsébet hat mir nach meinem ersten Artikel geschrieben; sie zweifelt mit ihrer eigenen Katze aus Serbien noch mehr als ich, macht aber trotzdem jeden Tag weiter. Ob so etwas auch aus der Distanz funktioniert, wenn man gar nicht im selben Raum sitzt, ist nochmal eine ganz andere Geschichte, die ich hier nicht aufmache. Meine eigene erste Woche, in der gefühlt überhaupt nichts passiert ist, habe ich woanders schon ausführlich aufgeschrieben.

Was ist eigentlich noch Einbildung?
Diese Frage stelle ich mir fast täglich. Letzte Woche habe ich mit dem Handy blind unters Sofa fotografiert, nur um zu prüfen, ob sie überhaupt noch da ist - und als ich das Bild auf dem Display geöffnet habe, hat sie direkt in die Kamera geschaut, als hätte sie in genau diesem Moment gewusst, dass ich abdrücke. Das war kein Bild, das ich mir beim Meditieren ausgedacht habe. Das war ein Foto.
Trotzdem hat es mich tagelang beschäftigt, weil ich bis heute nicht sauber trennen kann zwischen echten kleinen Signalen und reiner Einbildung. Wie sie mit den Ohren steht oder wie lange sie blinzelt, bevor sie den Blick abwendet, ist wieder ein eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufrolle.
Etwa in der siebten Woche wiederholte sich das Gelb dann noch einmal, an einem ganz gewöhnlichen Vormittag, ohne dass irgendetwas Besonderes davor passiert wäre. Diesmal habe ich es einfach stehen lassen, ohne es sofort zu erklären.
Intuition trainieren, ohne sie zu quetschen
Bevor ich überhaupt von Tierkommunikation gehört habe, habe ich mich durch gefühlt jedes Jackson-Galaxy-Video gequält und die Wohnung nach seinem Cat-Mojo-Konzept umgebaut, Rückzugsorte hier, neue Klettermöglichkeiten da. Ihr Verhalten hat sich davon kein bisschen geändert.
Was mentale Bilder für Anfängerinnen technisch überhaupt bedeuten, könnte ich hier gar nicht in der Kürze auseinandernehmen - das würde diesen Text sprengen.
Nach jetzt gut einem Jahr, in dem ich mit dieser Katze und mit mir selbst ringe, glaube ich, dass eigentlich nur eine Regel wirklich zählt: ein Bild erst einmal nur registrieren, ohne es sofort als wahr oder eingebildet einzusortieren. Die Bewertung kommt später, wenn überhaupt.
Vielleicht sitze ich morgen früh wieder da und weiß gar nichts. Aber diese eine Regel nehme ich mit, egal was als Nächstes passiert.