Kleine Zeichen

Stress bei Katzen messen mit der Einhandrute für Tiere im Alltag

Die Messingspitze der Einhandrute wiegt keine fünf Gramm. Trotzdem hält sie meinen ganzen Alltag gerade auf Trab – seit ich versuche, den Stress meiner rumänischen Rettungskatze in Leipzig damit zu messen.

Sie kam vor einem halben Jahr aus Bukarest zu mir, in eine Altbauwohnung im zweiten Stock in Leipzig-Gohlis, und seitdem ist das Sofa ihre Festung, ein schweres, anthrazitfarbenes Tweed-Modell, das ich allein niemals verschieben könnte. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich fast täglich über die Karl-Liebknecht-Straße, aber zu Hause dreht sich gerade alles nur um die zwei Meter zwischen Wohnzimmertür und Sofa. Wer mich als Grafikdesignerin kennt – Raster, Typografie, klare Linien – würde vermutlich den Kopf schütteln, wenn er mich mit einem Stück Federstahl in der Hand auf dem Dielenboden sitzen sieht.

Andere Katzenhalterinnen aus meinem Tierkommunikations-Kurs stellen mir seit ich davon erzähle vor allem eine Handvoll Fragen. Falls du sie dir auch stellst: Hier sind die ehrlichen Antworten – inklusive der Momente, in denen gar nichts funktioniert hat.

Was eine Einhandrute mit einer verängstigten Rumänien-Katze zu tun hat

Eine Einhandrute – im Kurs auch Tensor genannt – ist ein dünner Federstahldraht mit einem Holzgriff und einer kleinen Metallspitze am Ende. Hält man den Griff locker, fängt der Draht bei bestimmten Fragen an zu schwingen. Die gängigste Erklärung dafür ist Ideomotorik, also winzige, unbewusste Bewegungen der Hand – wie genau das mit einer Katze zusammenhängt, die seit Monaten unter dem Sofa lebt, kann mir bis heute niemand hundertprozentig erklären. Genau das macht die Rute für mich eher zum kleinen Selbsthilfe-Werkzeug als zum Beweismittel.

Bei mir bedeutet ein vertikales Auf und Ab meistens Anspannung, eine ruhige horizontale Bewegung eher Entspannung – dieses System lege ich für mich selbst fest, bevor ich überhaupt anfange zu fragen. Genauso wichtig wie die Bewegung ist die Frage davor: Je genauer ich sie stelle, etwa nach einer bestimmten Ecke im Wohnzimmer statt nach der ganzen Wohnung, desto eindeutiger fällt die Antwort aus.

Für mich als Rettungskatzen-Halterin, die sich mit dem Thema inzwischen seit etwa einem Jahr beschäftigt, war die Rute nie der große Plan. Sie kam erst ins Spiel, nachdem ein paar professionelle Tipps einer Verhaltenstrainerin nichts an der Situation geändert hatten.

Nahaufnahme einer Einhandrute für Tiere mit Holzgriff und Messingspitze zur Stressmessung bei einer ängstlichen Katze

Zeigt die Rute den Stress der Katze – oder meinen eigenen?

Genau diese Frage stellt sich mir jedes Mal aufs Neue. Komme ich gestresst von einem Kundentermin nach Hause und will schnell wissen, ob es der Katze gut geht, schlägt die Rute wie wild aus, nur ist das dann oft mein eigener Puls, nicht ihrer. Mein erster Gedanke dabei war oft: MOMENT, DAS STEUERST DU DOCH SELBST, LINA. Objektive Ergebnisse setzen eine Art innere Leere voraus, bevor man überhaupt fragt. Klingt hochtrabend, ist aber eher Handwerk: erst durchatmen, dann erst die Frage stellen, so wie wir es im Basiskurs geübt haben, um zur Ruhe für die Tierkommunikation zu finden.

Im Kurs wird das oft mit dem Unterschied zwischen den eigenen Gedanken und echten Signalen erklärt – ein Thema, an dem viele Anfängerinnen länger kauen als an der Rute selbst. Ich habe das vor ein paar Wochen selbst gemerkt, als ich unbedingt wissen wollte, ob ihr neues Futter ankommt: Die Rute zeigte ein klares Ja, gefressen hat sie davon trotzdem nichts.

Nach zwölf Minuten auf dem kalten Dielenboden merke ich meist zuerst mein eigenes Bein, nicht die Katze. Das ist unglamourös, aber ehrlich: Wer wie eine Statue auf dem Parkett sitzt, um „neutral" zu werden, sitzt vor allem unbequem.

Anfängerin übt Tierkommunikation mit der Einhandrute und einem Beobachtungstagebuch für die Rettungskatze

Wenn tagelang gar nichts ausschlägt

Es gibt Tage, an denen die Rute einfach still bleibt, egal was ich frage, kein Ausschlag, keine Bewegung, nichts. Am Anfang des Kurses hat mich das komplett verunsichert, gerade weil im Forum so viele in der ersten Woche über genau dieses Nichts schreiben, das sich anfühlt, als würde man ins Leere fragen.

Mittlerweile vergleiche ich das eher mit einem Kollegen, der im Büro kaum redet. Man lernt irgendwann, an Haltung und Tempo abzulesen, wie sein Tag läuft, bevor er ein Wort sagt – bei der Katze ist es ähnlich, nur dass die Rute manchmal einfach keine Lust hat, mir dabei zu helfen.

Wie sich die Rute von anderen Tierkommunikations-Ansätzen unterscheidet

Im Kurs geht es längst nicht nur um die Rute. Manche arbeiten lieber, indem sie einfach nur still vor dem Sofa sitzen und abwarten, bis die Katze von sich aus näherkommt. Andere versuchen, sich mentale Bilder von der Katze schicken zu lassen, was bei mir bisher kaum funktioniert hat. Es gibt auch Übungen zur Distanzarbeit, bei denen man die Katze aus einem anderen Zimmer oder sogar von unterwegs „anspricht" – dafür fehlt mir bisher schlicht die Geduld.

Am ehesten kombiniere ich die Rute mit dem, was ich an Körpersprache sehe: Ohrenstellung, Schwanzspitze, wie nah sie unter dem Sofa liegt. Manchmal geht es auch ganz ohne Bilder oder Ausschlag, nur über ein diffuses Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt. Wenn der Kopf zu viel filtert, blockiert das laut Kursleitung ohnehin jedes Signal, ganz gleich mit welcher Methode.

Vertrauen aufzubauen, ohne die Katze zu bedrängen, bleibt dabei die eigentliche Arbeit. Die Bedürfnisse der Katze mit der Rute zu testen ist für mich nur ein Baustein davon, nicht der ganze Prozess – und Intuition trainiert man nebenbei, ob man will oder nicht.

Was bei uns nicht funktioniert hat: die Sache mit den Bachblüten

Nicht alles, was ich ausprobiert habe, hat etwas gebracht. Eine Bachblütenessenz namens Rescue habe ich eine Weile ins Trinkwasser gemischt, weil im Kurs davon die Rede war, dass sie beim Ankommen helfen soll. Die Rute schlug bei der Frage danach zwar aus, an der Katze selbst hat sich aber nichts verändert – sie hat weiter nur nachts gefressen und jeden Tierarztbesuch zum kleinen Drama gemacht.

Vielleicht war ich an dem Tag nicht neutral genug, vielleicht braucht sie einfach etwas anderes als Tropfen im Wasser. So oder so bleibt für mich die Tierärztin die erste Adresse bei allem, was nach Gesundheit oder Verhalten aussieht – die Rute ist höchstens für die Zwischentöne da.

Wassernapf einer ängstlichen Rettungskatze auf Holzboden mit einer Einhandrute zur Stressmessung darüber

Woran ich merke, dass sich wirklich etwas verändert

An guten Wochen ist es meistens der Napf, der es mir zuerst verrät. Neulich morgens stand ich in der Küche, und der Futternapf war zum ersten Mal seit ihrer Ankunft bis auf den letzten Rest leer – nicht nur angeknabbert, sondern wirklich leer, als hätte sie sich getraut, in aller Ruhe fertig zu essen. Ein kleines Ding, aber für mich zählt es mehr als jeder einzelne Rutenausschlag.

Seitdem achte ich noch genauer auf den Fütterungszeitpunkt und habe auch versucht, den Stress beim Futter für meine Angstkatze zu reduzieren, unter anderem indem ich den ruhigsten Moment am Tag dafür ausgependelt habe. Ob das an der Rute liegt oder einfach daran, dass die Katze langsam ankommt, kann ich nicht sicher sagen.

Meine Freundin Philippa, die für fast jede Alltagsfrage eine nüchterne, rationale Erklärung parat hat, war bei diesem einen Napf ausnahmsweise still – mehr als „vielleicht wirkt es doch" wollte sie dazu nicht sagen. Aus dem Kursforum kenne ich außerdem Noa, die eigentlich mit ihrem Hund arbeitet und bei jedem kleinen Fortschritt fast euphorisch wird; verglichen mit ihrer Begeisterung wirke ich selbst manchmal wie die Bremse in der Gruppe.

Lohnt sich das Ganze für ängstliche Rettungskatzen?

Ganz ehrlich: Nein, ich glaube nicht, dass eine Einhandrute allein aus einer ängstlichen Straßenkatze ein Schmusetier macht. Als einzige Methode würde ich sie niemandem empfehlen, schon gar nicht anstelle eines Tierarztbesuchs, wenn gesundheitlich etwas nicht stimmt.

Als tägliches Ritual, das mich zwingt, wirklich hinzuschauen statt nur den Napf zu checken, hat sie sich für mich aber gelohnt – vor allem dann, wenn ich sie als Ergänzung zur Beobachtung nutze und nicht als Orakel mit fertiger Antwort.

Hast du selbst eine Rettungskatze, die dich vor Rätsel stellt? Die Rute ist kein Muss. Aber wenn andere Wege gerade nicht weiterhelfen, ist ein Stück Federstahl in der Hand jedenfalls ehrlicher, als gar nichts mehr zu versuchen.

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